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REAL TALK: ALLEINE REISEN

Sonntag, 10 Uhr früh, Flughafen Wien. Ich stehe am Gate, bereit für's Boarding - mit einem mulmigen Gefühl. Die nächsten 10 Tage verbringe ich alleine in Marokko. Ich muss hin, denn ich muss den Transport einiger Produkte organisieren und dafür sollte ich vor Ort sein, um sicher zu stellen, dass alles mehr oder weniger reibungslos abläuft. Oder eigentlich, weil es einfach keinen anderen gibt, der verantwortlich sein könnte - it's a one-woman-show. Das darf man nicht falsch verstehen. Ich liebe Marokko und vorallem Essaouria. Ich war auch schon dort, dass heißt, ich reise an keinen komplett fremden Ort und mir sind auch ein paar Gesichter bekannt. Trotzdem überkommt mich ein Gefühl der Hilflosigkeit. 

 

Für diejenigen, die oft alleine reisen, muss sich das etwas seltsam anhören - ein bisschen unselbstständig. Viele Menschen reisen tagtäglich alleine umher, einige durch mehrere Länder, manche machen sogar ganze Weltreisen alleine, und das ohne so zu jammern. Tatsächlich würde ich mich als selbstständigen Menschen beschreiben. Als ich meinen Flug gebucht habe, war ich auch komplett davon überzeugt, dass mir 10 Tage alleine in Marokko nichts ausmachen werden. Ich war ja auch schon 2 Tage alleine dort, also wo war der Unterschied?

 

Meine Sorge wurde durch folgende Punkte begründet. Erstens, sind 10 Tage doch etwas länger als 2 Tage, vor allem für einen Neuling im alleine reisen, wie mich. Zweitens hatte ich viel für den Transport zu organisieren und keine Ahnung, ob ich alleine alles zeitlich schaffen würde - oder bei wem ich mich ausheulen sollte, wenn einfach alles schief gehen würde. Denn irgendwas geht immer schief. Drittens machten mich Gespräche mit anderen über meine bevorstehende Reise nervös. War es für eine Frau tatsächlich gefährlich alleine in muslimische Länder zu reisen?

 

Alleine Reisen wird derzeit ja als die ultimative Art des Reisens gehandhabt, denn wir sind alle mutig, unabhängig und individuell. Aber ist es das wirklich? Sind wir immer glücklicher alleine? Ich denke, alleine zu Reisen hat, wie alles im Leben, Vor - und Nachteile. Ich bin ein Mensch, der gerne auch mal alleine ist, von dem her hatte ich zuerst keine großen Bedenken, dass ich mich einsam fühlen könnte. Mir hilft Zeit alleine, meine Gedanken zu sammeln und mich zu regenerieren. In diesen 10 Tagen ist mir jedoch auch klar geworden, wie sehr ich mir in vielen Momenten gewünscht habe, dass ich genau das jetzt mit einem Menschen teilen kann. Mit Freunden, Familie, meinem Freund. Klar lernt man viele neue Menschen kennen, und das ist toll und aufregend, aber ich vermisste die Menschen, die Zuhause waren und von denen ich wusste, dass sie genau diesen Sonnenuntergang genauso genießen würden wie ich. Neue Kontakte knüpfen ist spannend, aber auf die Dauer auch einfach anstrengend - manchmal will man einfach bei einem Glas Wein mit den immer gleichen Leuten die immer gleichen Gespräche führen. 

 

Ich will das jetzt nicht abtun - neue Leute zu treffen erweitert den Horizont und man knüpft teilweise Kontakte und Freundschaften, die ewig halten. Aber ich tue das natürlich mit dem Wissen, dass ich Zuhause immer eine sichere Basis habe. Das macht es einfacher, denn man ist nicht darauf angewiesen, jemanden kennenzulernen. Es ergibt sich. Hätte ich mir vorgenommen, eine Weltreise alleine zu machen, hätte ich wohl mehr Stress gehabt. Denn der Mensch braucht ein soziales Gefüge, selbst wenn dieses nicht dauerhaft ist sondern nur für den Moment. 

 

Grundsätzlich habe ich meine Zeit sehr genossen. Ich konnte die Tage nach meinem Belieben gestalten und das machen, was ich wollte, ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Aber auf längeren Reisen hätte ich mir schon eine Begleitung gewünscht - zusammen planen, Erlebtes besprechen und über kleine Faux Pas lachen hat schon was für sich. 

 

Was mich vor der Reise sehr beschäftigt hat war: Würde ich es aushalten, soviel Zeit mit MIR verbringen zu müssen? In unserem Alltag haben wir kaum Zeit, uns wirklich viel mit uns selbst auseinander zu setzen. Natürlich, es gibt reflektierte Menschen und chronische Verdränger (auch wenn ich mich gerne zu Ersterem zähle, bin ich wohl eher eine gute Mischung aus beiden Seiten), aber die meisten von uns reflektieren über manche Seiten von sich mehr und verdrängen dafür andere. Verbringt man jedoch viel Zeit alleine, und dann auch noch in unbekanntem Terrain, so wird man irgendwann gezwungen sein, über sich selbst nachzudenken. Man merkt, wie man auf neue Situationen, Menschen, Eindrücke, und Hindernisse reagiert, ohne den sozialen Rückhalt, den man zuhause vielleicht hat. Alleine zu Reisen heißt auch, sich selbst besser kennen zu lernen. 

 

Das klingt zwar erstmal sehr erstrebenswert. Aber will ich das überhaupt? Manche Seiten an mir, die ich kennen lerne, gefallen mir ja vielleicht überhaupt nicht. Besser schnell weg damit, ins Unterbewusste, und Türe zu - fertig. Fakt ist, sich mit sich selbst auseinander zu setzen ist - psychisch gesehen - oft nicht leicht. Wir tragen Dinge mit uns rum, und seien sie noch so banal für den Außenstehenden, die wir lange ins Unterbewusste gedrängt haben, und die dann, plötzlich, vielleicht durch ein Erlebnis, vielleicht spontan, wieder hochkommen. Und dann kommt das Grübeln. Man geht das Erlebte wieder und wieder durch. Geht alle "was wäre gewesen wenn.." Optionen durch. Man durchlebt alle Emotionen erneut. Und das fühlt sich teilweise scheiße an (pardon my french). Aber es kann auch wahnsinnig befreiend sein.

  

Teilweise setzt man sich mit Erlebnissen und Gefühlen auseinander, die man schon jahrelang verdrängt hatte, von denen man nicht mal wusste, dass sie einen überhaupt noch beschäftigen. Ich finde sowas ja immer wahnsinnig spannend, was das Gehirn alles mit uns macht - aber wenn man es selbst erlebt ist es hauptsächlich eins: anstrengend. 

 

Manche werden jetzt sagen: Auch wenn man alleine reist trifft man Leute und unternimmt etwas, man sitzt ja nicht die ganze Zeit im Zimmer und grübelt. Und ja das stimmt, das macht man natürlich nicht. Aber trotzdem ist alleine auf Reisen sein etwas grundlegend anderes als alleine zuhause zu sein. Es macht etwas mit dir. Ich hatte auf meiner Reise sehr viel zu tun, war den ganzen Tag unterwegs. Trotzdem hat mein Gehirn unterbewusst gearbeitet, mich an Vergangenes erinnert und mich teilweise auch schwer irritiert. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass es total entspannend war - obwohl es das teilweise war, denn alleine reisen heißt auch, dein Ding durchzuziehen, ohne schlechtes Gewissen. Aber es heißt eben auch, auf sich gestellt zu sein und manchmal nicht wissen, was man tun soll. Oder ob es sicher ist, alleine durch diese Gasse zu gehen, etc. Man büßt ein bisschen Selbstbewusstsein ein, das man sonst aus der Anwesenheit eines anderen Menschen zieht, eines Verbündeten. 

 

So ein kollektives Selbstbewusstsein liegt uns Menschen im Blut. In der Gruppe fühlt man sich einfach stärker - ist man ja auch. Alleine in der Heimat zu sein ist auch in Ordnung. Man kennt die Wege und Orte, die Gepflogenheiten und Stolpersteine. Aber alleine an einem fremden Ort zu sein heißt, sich erstmal unsicher zu fühlen. Man tut sich auch leichter damit, sich mal zu behaupten, wenn es nötig ist. Ich bemerkte das vor allem, wenn ich alleine durch die Straßen ging. Gerade als Frau alleine wirst du einfach sehr oft angesprochen in Marokko. Das hat nichts damit zu tun, dass die Menschen aufdringlich wären oder man sich gefährdet fühlen würde. Aber man ist es aus Ländern wie Österreich einfach nicht gewöhnt, dauernd in Gespräche verwickelt zu werden. Ich habe mich nach einem Tag einfach wirklich ausgelaugt gefühlt, obwohl ich eigentlich viele nette Gespräche geführt hatte. Was anderes ist es natürlich, dass man als Frau alleine in muslimischen Ländern auch viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Cat Calling kommt, vor allem unter den Jüngeren, öfter vor - am besten einfach ignorieren und weitergehen. Zuhause wäre ich wohl nicht so höflich geblieben. 

 

Doch wahrscheinlich ist es genau das, was das alleine Reisen ausmacht. Man erlebt sich selbst in neuen Situationen, auf die man nicht vorbereitet ist. Man merkt, wie man Dinge handhabt und meistert, die man sich vielleicht gar nicht zugetraut hätte. Das ändert einen und man tritt gestärkt daraus hervor, selbst wenn man in vielen Situationen kurzzeitig verzweifelt ist. Man bekommt eine Art Urvertrauen, dass alles irgendwie gut gehen wird und man das alles aus eigener Kraft heraus meistern kann. Man wird offener und aufmerksamer seiner Umwelt gegenüber. Trifft neue Leute, passt sich an die Kultur an, viel stärker, als man es in Begleitung tun würde, ganz unterbewusst. Es ist ein spannender Prozess, den man durchläuft. 

 

Was nehme ich nun mit von meinem ersten richtigen Solo-Trip? Alleine Reisen ist eine spannende Erfahrung, auf die ich mich vielleicht gar nie eingelassen hätte, wenn ich nicht gezwungen gewesen wäre. Und es wäre mir etwas entgangen. Ich habe vieles gelernt und vieles aufgearbeitet, Dinge, die ich schon lange mit mir herumgetragen habe. Ich habe gemerkt, dass ich viel stärker bin, als ich dachte. Aber ich habe auch gemerkt: es ist nicht die ultimative Art des Reisens. Für einige mag es das sein, und das ist auch vollkommen in Ordnung. Mir persönlich fehlt das gemeinsame am alleine Reisen. Gemeinsam Neues zu entdecken, zu Planen, Erfahrungen zu machen - das macht, für mich, das Reisen noch schöner. 

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